Wer kennt sie nicht, diese zwei Worte!? Sei es von den eigenen Töchtern oder von damals, als wir selbst noch Töchter waren.
Kaum eine Beziehung ist so ambivalent und bietet so viel Zündstoff, wie die Mutter-Tochter-Beziehung!
Es gibt eine Definition von Mutter und Tochter: „Eine Verbindung, die mit Liebe, Gelächter und Erinnerungen gefüllt ist!“
Nur was passiert, wenn diese Beziehung nicht so optimal verläuft? Was geschieht mit den Mädchen, die nicht richtig „bemuttert“ werden? Hinterlässt das eine Lücke, die wir füllen wollen, z.B. mit Drogen, Alkohol und Essen? Kann diese Wunde heilen? Können wir unseren Müttern verzeihen und können unsere Töchter uns verzeihen?
All diese Dinge versuchten wir in diesem Seminar zu klären.
Wie üblich trafen wir uns am Freitagabend um 19.00 Uhr, stellten uns vor und teilten unsere Wünsche, Befürchtungen und Erwartungen zu diesem Seminar mit.
Wünsche:
- Verstehen meiner Mutter
- Heilung von meiner Mutter
- Sorgen um die Enkel in erster Linie den Eltern überlassen
- Regeln verstehen, wie die anderen mit den Sätzen ihrer Mutter umgehen
- Impulse, die Töchter mehr loszulassen und ihnen als Erwachsene auf Augenhöhe zu begegnen
- Ich bin ein ungeliebtes Kind! Wie kann ich mit diesen Erfahrungen besser umgehen
- Reflektion für mich als Mutter
- Mir selbst verzeihen können
- Besser aus dem eingefahrenen Mutter-Klischee rauszukommen
- Mit mir ins Reine kommen
Erwartungen:
- Mein Verhalten gegenüber meinen Kindern zu reflektieren und dann eventuell positive Veränderungen zu erreichen
- Möchte mich besser fühlen
- Lernen
- Akzeptiert werden trotz Sucht
- Aufeinander zugehen lernen
Befürchtungen:
- Dass die Ergebnisse meiner Recherche für mich nachteilig sein können
- Befürchtung, dass vieles wieder hochkommt und es zu emotional wird
- Angst, zu gehen
- Angst, dass zu viel Nähe kommt
Bereits dieser erste Abend zeigte, wie emotional, vielschichtig und wichtig dieses Seminar für Mütter, aber auch für Töchter ist.
Zur Entspannung hörten und sangen wir das Lied: Eine Reise von 1000 Meilen.
Danach konnten wir doch etwas entspannter in die Nacht gehen.
Am nächsten Morgen betraten wir den Seminarraum achtsam und still! Es erklang Musik und wir ließen einen Blumenstrauß auf uns wirken, wir gaben uns die Hände und wünschten uns einen Guten Morgen. Danach betrachteten wir eine Mutter-Tochter Beziehung aus der griechischen Geschichte!
Demeter und Persephone
Zu Beginn bilden Demeter und ihre Tochter Persephone die perfekte Einheit. Sie leben in einer idyllischen Welt voller Blumen und ewigen Frühlings. Dies symbolisiert die frühe behütete Kindheit, in der die Mutter die gesamte Welt der Tochter schützt und nährt. Es gibt keine Konflikte, aber auch keine individuelle Entwicklung der Tochter.
Danach kommt es zum gewaltsamen Bruch, also der Ablösung. Der Mythos besagt, dass Hades Persephone mit dem Einverständnis ihres Vaters Zeus entführt.
Persephone wird mitten aus ihrem unbeschwerten Leben gerissen und in die Dunkelheit der Unterwelt gezogen. Demeter verfällt in tiefe Trauer, lässt die Erde unfruchtbar werden und sucht verzweifelt nach ihrer Tochter.
Die Bedeutung
Psychologisch steht die Entführung für die oft schmerzhafte, plötzliche oder krisenhafte Ablösung der Tochter im Jugendalter! Um erwachsen zu werden, muss die Tochter die heile Welt der Mutter verlassen und ihre eigenen, manchmal dunklen Seiten entdecken. Für die Mutter fühlt sich dieser Autonomieprozess oft wie ein schmerzhafter Verlust an.
Der Kompromiss (das erwachsene Verhältnis)
Da die Erde ohne Demeters Segen zu veröden droht, greift Zeus ein. Da Persephone an die Unterwelt gebunden ist, wird ein Kompromiss geschlossen. Zwei Drittel des Jahres verbringt sie bei Hades, zwei Drittel bei Demeter auf der Erde.
Die Dynamik
Wenn Persephone bei Demeter ist, blüht die Natur (Frühling, Sommer). Ist sie in der Unterwelt bei Hades, trauert die Erde (Herbst, Winter).
Das Wiedersehen auf neuer Ebene
Die Beziehung bricht nicht für immer, sondern wandelt sich. Demeter und Persephone finden jedes Jahr neu zueinander - so wie Mütter und Töchter eine reifere Bindung eingehen.
Ein wunderschönes Beispiel wie es sein könnte.
Doch was haben wir selbst erlebt?
In den Jahren von 0-6 erlebten wir im Idealfall eine schöne Zeit, erlebten aber auch Macht und Reglementierung! Oft waren Erzieherinnen Mutterersatz.
Wie wurden wir geprägt? Was bedeutet der Begriff Prägung eigentlich?
Das Wort Prägung stammt laut Wikipedia vom Mittelhochdeutschen Wort „pregen“ und geht vom ursprünglichen lateinischen Verb „premere“ (drücken, pressen, prägen) aus. Beim Prägen von Münzen wurde ein runder Metallrohling mit großer Kraft zwischen zwei Stempeln (Prägestempel) gepresst. Dadurch wurde das Muster dauerhaft in das Metall gedrückt.
Die Übertragung (Metapher): genau wie ein Stempel ein Bild im Metall hinterlässt, hinterlassen tiefe Eindrücke, Erlebnisse oder Personen eine bleibende Spur im Menschen.
Und was prägt uns mehr als die Beziehung zu unseren Müttern? Standen wir jemals jemand so nah und waren wir jemals so abhängig wie von unseren Müttern?
Prägen bedeutet für Kinder von 0-6 lernen ohne etwas dazu zu tun. Kinder nehmen unbewusst Botschaften und Wünsche der Eltern oder anderen Personen auf, übernehmen Muster und Rollen, oft durch Gefühle und Erlebnisse.
Dabei kommt auch der Begriff Epigenetik zur Sprache! Das griechische epi- bedeutet „über“- die Epigenetik sitzt sozusagen als Schicht „über“ der Genetik, Sie verbindet unsere erlebte Wirklichkeit und unser inneres Selbstbild. Es beschreibt wie unsichtbare, tiefsitzende Programme unser Denken, Fühlen und Handeln steuern, ohne dass wir es im Alltag merken. Während die Psychologie vom „Drehbuch“ spricht, liefert die Epigenetik die Hardware dazu.
- Das unbewusste Drehbuch(Psychologie)
Das Konzept des Lebens-Skripts stammt ursprünglich aus der Transaktionsanalyse (nach Eric Berne). Demnach bestimmen drei grundlegende Ich-Zustände unser Denken, Handeln, Fühlen und wie wir mit anderen Menschen kommunizieren, nämlich - Das Eltern-Ich:
Hier ist das Verhalten, die Werte und Regeln unserer eigenen Eltern oder früheren Bezugspersonen abgespeichert! - Das Kritische Eltern-Ich:
Es Bewertet, tadelt, korrigiert und stellt strenge Regeln auf. - Das Fürsorgliche Eltern-Ich:
Es tröstet, hilft und unterstützt, kann dabei aber auch bevormundend wirken. - Das Erwachsenen-Ich:
Arbeitet sachlich, logisch und neutral. Es bewertet eine Situation neu und rational. Es behandelt andere Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe und sucht nach konstruktiven Lösungen für aktuelle Probleme. - Das Kind-Ich:
Darin leben wir unsere Gefühle, Erfahrungen und Verhaltensweisen aus unserer eigenen Kindheit weiter. - Das Freie Kind-Ich:
Ist spontan, kreativ, verspielt und neugierig. - Das Angepasste Kind-Ich:
Zeigt sich vorsichtig, ängstlich, zurückhaltend oder gehorsam. - Das Rebellische Kind-Ich:
Reagiert trotzig, wütend und bockig auf Regeln.
Jeder Mensch schreibt in den ersten Lebensjahren (meist bis zum 7. Lebensjahr) unbewusst einen „Lebensplan“. Dieser Plan basiert auf Botschaften der Eltern (Mütter) („Du bist nicht gut genug!“ „Sei stark“ usw.). Als Erwachsene spielen wir dieses Drehbuch immer wieder ab, wir wählen Partner, Berufe und Verhaltensweisen, die genau zu diesem alten Skript passen, selbst wenn sie uns unglücklich machen.
Die Epigenetik (Biologie)
Sie ist das Bindeglied zwischen Umwelt und Genen.
Stress, Traumata, Vernachlässigung aber auch Liebe und Geborgenheit hinterlassen chemische Markierungen auf unserer DNA. Diese Schalterstellungen können sogar an die nächste Generation weitervererbt werden. Das unbewusste Drehbuch ist nicht nur ein psychologisches Gedankenkonstrukt, sondern biologisch im Körper verkörpert.
Aber, wir sind diesen Mustern nicht hilflos ausgeliefert! Durch Therapie, Coaching und Achtsamkeit kann man sich dieses Skripts bewusstwerden und sich aktiv entscheiden, neue „Szenen“ zu schreiben. Aus biologischer Sicht sind epigenetische Markierungen reversibel.
Durch einen veränderten Lebensstil, Heilung von Traumata, gesunde Beziehungen und veränderte Denkmuster können die genetischen Schalter wieder umgelegt werden.
Alte Bindungs- und Beziehungsmuster können also abgelegt werden.
Konflikt- und Stressbewältigung
Töchter lernen unbewusst von Müttern wie sie mit Stress, Wut, Ärger und auch Trauer umgehen.
Wie und ob Mütter streiten.Der Bindungsstil der Mutter (sicher, ängstlich distanziert) beeinflusst das eigene Bindungsverhalten (Freundschaften, Partnerschaften).
Selbstbild und Weiblichkeit
Wie Mütter mit ihrem Körper, Frausein / Geschlecht und Rolle in der Gesellschaft umgehen, wird von Töchtern unbewusst beobachtet und übernommen.
Wir unterscheiden eine positive Bindung, die Sicherheit und emotionales Wohlbefinden im Erwachsenenalter bietet. Unterschiede werden eher zugelassen.
Bei der belastenden Bindung sind Mütter emotional nicht so verfügbar, überkritisch, toxisch.
Dadurch können sie bei Töchtern Spuren von ständigen Zweifeln, Verlustängste, niedriges Selbstwertgefühl an eigener Identität hinterlassen.
Wir stellten fest, dass eine Mutter, die selbst nicht gut behandelt wurde, es an Ihre eigenen Kinder weitergibt, sofern sie das selbst Erlernte nicht reflektiert. Vermutlich hat sich jede Mutter schon mal dabei ertappt und denkt: „Huch, ich rede ja schon wie meine eigene Mutter!“
Wichtig ist, das zu erkennen und nicht in denselben Verhaltensweisen hängen bleiben.
In einer Einzelarbeit nahmen wir uns Zeit die Beziehung zu unseren Müttern zu überdenken, so wie wir sie gerade erleben – ohne Bewertung, ohne Analyse. Nur Wahrnehmung.
Wir beantworteten einige Fragen, z.B.: In welchen Momenten reagierst du auf deine Mutter eher als Kind (z.B. verletzt, trotzig, klein) statt als erwachsene Frau
? Auf all diese Fragen kann ich an dieser Stelle jedoch nicht eingehen. Es wäre zu umfangreich.
Es war ein sehr lehrreiches Seminar aus dem alle etwas mitnehmen konnten!
Wie immer waren wir eine tolle Gruppe voller Empathie und Verständnis füreinander. Manchmal wurde es sehr emotional und dann wiederum haben wir viel gelacht und uns gut unterhalten.
Die Eisdiele in Oberkirch am Samstagabend hat natürlich auch nicht gefehlt. Kurz, trotz des komplexen Themas ein wunderschönes Wochenende! Dazu habe ich etwas ganz Wichtiges aus diesem Seminar gelernt:
Wir sind Menschen mit kleinen und großen Fehlern! Aber auch mit ungeheuren Stärken UND wir sind alle liebenswert!
Zum Schluss möchte ich mich noch bei den beiden Referentinnen Gisela Koop und Katharina Irmgraben ganz herzlich bedanken. Wie immer ein gelungenes Seminar mit vielen musikalischen Einlagen und auflockernden Bewegungen.
Was mich noch sehr interessiert hätte, wäre der Einfluss von Müttern auf ihre Töchter zwischen 8 und 18 Jahren!
Vielleicht beim nächsten Mal!
Ach eines noch: Die Kurzform von „Mach mal“ ist „Mama“.


