Im Rahmen des Gesprächskreises „55 plus“ hat vom 08. bis 10.05.2025 das Seminar „Ablehnung im Alter“ in Oberkirch stattgefunden. Als Referent konnte nochmals Wilfried Mohr gewonnen werden. Die Teilnehmenden trafen am späten Nachmittag bei herrlichem Frühlingswetter im Schönstattzentrum „Marienfried“ ein. Mit dem gemeinsamen Abendessen am Freitag um 18.00 Uhr erfolgte der Auftakt des Seminarwochenendes.
In der anschließenden Begrüßungs- und Vorstellungsrunde bestand Gelegenheit die Beweggründe zur Teilnahme an der Seminareinheit zu artikulieren. Gleichzeitig waren die Teilnehmenden angehalten, Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen an das Wochenende zu formulieren. Hierbei werden unterschiedliche Aspekte angesprochen. Ist es auf der einen Seite das Seminarthema und die Begegnung mit den weiteren Teilnehmenden und dem Referenten, sind es andererseits konkrete persönliche Anlässe und Situationen.
Auch im Alter kommt dem individuellen Selbstwertgefühl eine essentielle Bedeutung zu. Dinge gehen nicht mehr so leicht von der Hand. Der Leitsatz der Seminareinheit kann inhaltlich in zwei Richtungen analysiert werden. Auf der einen Seite werde ich von anderen abgelehnt. Andererseits stehe ich nicht zu meiner aktuellen Persönlichkeit. In der Folge ergibt sich die Fragestellung nachdem, was ich zu dem Thema beitrage (Körperlichkeit im Alter, neue Beziehungen).
Am Samstagvormittag sind die Teilnehmenden gehalten, eine kleine Bewegungsübung mitzumachen, um die Aufnahmefähigkeit für das Kommende besser zu generieren. Im Nachgang und als Einstieg wird vom Referenten die Geschichte über die „Bremer Stadtmusikanten“ thematisiert. Esel, Hund, Katze und Hahn haben beschlossen gemeinsam nach Bremen zu ziehen, um dort eine Band zu etablieren. Im Verlauf der Handlungsweise übernimmt der Esel die Rolle des „Motivators“. Die Erzählung passt zu dem Leitthema des Seminars. Sie ist voller Dynamik.
Auf die Realität bezogen ist das „Alter“ als Geschenk zu werten. Die Überlegungen gehen nicht nur davon aus, was war und ist, sondern welche Aktivitäten und Ziele gilt es anzustreben. Das „Ende“ kommt noch lange nicht.
Altersdiskriminierung: Zeitgleich finden drei Prozesse statt:
- Etikettierung einer Person, einer Gruppe, z.B. „die Alten“
- Stereotypisierung: Zuschreibung von negativen Eigenschaften, daraus können Vorurteile entstehen
- Diskriminierung, d.h. negatives Verhalten gegenüber einer Person oder Gruppe aufgrund der stereotypischen Eigenschaften.
Dieser Status kann schon der Einstieg in die Selbstreflexion darstellen. Gegenüber Dritten verhalte ich mich nach diesem Schema. Andererseits verspüre ich ein Verhalten Weiterer mir gegenüber in ähnlicher Weise.
Altersdiskriminierung gliedert sich in drei unterschiedliche Bereiche:
- Individuell: Konkrete Handlungen gegenüber Personen (beleidigen, feindselig, abwertend)
- Institutionell: Im Beruf, Kreditvergabe usw.
- Gesellschaftlich: Abwerten einer bestimmten Gruppe.
Wohlwollende Diskriminierung:
Alten Menschen helfen und dabei ihre Fähigkeiten negieren
- „Für dein Alter siehst du gut aus“
- „Die Omi ist süß“
- „Ist halt das Alter“.
Im Kontext des Gesundheitsbereichs sind ärztliche Termine zunehmend nur online zu bekommen. Ältere verfügen oft nicht über entsprechende technische Kenntnisse. Die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich verschlechtert sich zusehends. Wichtige Medikamente sind in Apotheken knapp geworden oder nicht verfügbar, fehlende Pflegeplätze in Heimen und ambulanter Versorgung.
Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter. Die statistische Lebenserwartung (Männer und Frauen) hat sich in dem zurückliegenden zeitlichen Zyklus drastisch erhöht. Hieraus resultierende Begleiterscheinungen sind u. a. Altersarmut und Einsamkeit. Ein weiterer Gesichtspunkt sind Generationskonflikte. Auch den älteren Menschen ist ausreichender zeitlicher Freiraum einzuräumen. Im Übrigen ist bei uns Älteren die Eigeninitiative gefordert. Es gilt der sog. „inneren Sperre“ entgegenzutreten und sich trauen etwas Neues zu unternehmen. Hier habe ich mich aus meiner Komfortzone „herauszuschälen“.
Ein weiteres Schlagwort stellt die „Diskriminierung gegen sich selbst“ dar. Diese äußert sich in einem negativen Altersbild („dazu bin ich zu alt“). Eigene Ressourcen werden abgewertet und nicht genutzt. Einer solchen Grundstimmung gilt es entgegenzuwirken. Sich „berühren“ lassen bringt „leben“ und die innere Seele erfährt eine positive Stärkung. Bei Suchtbetroffenen kommt dem Thema „Rückfall“ eine essentielle Bedeutung zu. Die Qualität meiner Abstinenzentscheidung ist einer erneuten Bewertung zu unterziehen. Nach dem regulären Ausscheiden aus dem beruflichen Arbeitsprozess unterliege ich nicht mehr den dortigen Zwängen. Ich bin nun mein eigener „Chef“. Eine gute Vorbereitung auf den Einstieg in den weiteren Lebensabschnitt (Rente / Pension) ist essentiell.
Die Gefahr der Entwicklung einer süchtigen Abhängigkeit erst im Alter darf nicht unterschätzt werden. Das individuelle Selbstbildnis sowohl nach „innen“ als auch nach „außen“ ist einer vertiefenden Betrachtung zu unterziehen. Der inneren Bewertung kommt eine größere Bedeutung zu. Hier ist die Fragestellung nach dem Einsatz meiner eigenen Energie zu beantworten. Sofern ich mich bisher über meine äußere Erscheinung definiert habe, ist die weitere Fragen zu klären, ob ich mit dieser Handlungsweise fortfahre. Die Entscheidung bildet die Basis für das Weitere.
Die Zielsetzung hat in einer guten Balance zu liegen („not for ever young“):
- Was kann ich noch machen?
- Wie kann ich Kompensationen erreichen?
- Was kann ich Neues anstreben?
Durch eine solche Handlungsweise „spüre“ ich mich und lass mich „berühren“. Die eigene Lebenserfahrung spielt eine große Rolle und erspart mir vieles. Mit der Partnerin / dem Partner etwas gemeinsames unternehmen oder eventuell auch nicht. Sofern eine Begleitung nicht stattfindet, kann ich die Unternehmung auch allein absolvieren.
Die sog. „Altersbilder“ werden schon in der Kindheit generiert und verfestigen sich im Laufe der Lebensjahre. Dieser Entwicklung unterliegt jeder von uns. In diesem Kontext wird vom Referenten der Leitsatz „Aus der Wunde zur Perle“ von Anselm Grün rezitiert. Diese kann auf suchtspezifische Aspekte heruntergezoomt werden, von der „Sucht“ zur „Abstinenz“. Aus der anfänglichen Verletzung entsteht was Neues. Hier tritt ein lebenslanger Reifeprozess zutage, welcher Reibung erzeugt. Dieser Prozess führt zur individuellen Reife als erwachsener Mensch. Die „ständige“ Reibung stellt eine Herausforderung dar, ich habe mich durchzubeißen. Da das Leben mit einer Baustelle vergleichbar ist, wird das erforderliche Werkzeug benötigt.
Der Blickwinkel ist auch im Alter auf die Zukunft auszurichten. Dankbarkeit und Zufriedenheit bilden eine tolle Basis. Die Feststellung, meine noch vorhandenen Fähigkeiten betreffend, bildet den Gegenpol zu dem, was nicht mehr funktioniert. Die vergleichsweise Bewertung kann zur Zerstörung des individuellen Glücks führen (= negativ, zerstören).
Bei einer objektiven Selbstreflexion werde ich die Feststellung treffen, Glück ist das, was ich gerade habe. Das individuelle Altersbild unterliegt der Entwicklung. Die „innere“ Buchhaltung ist entscheidend für mein Verhalten. Leben bedeutet Veränderung, das habe ich zu akzeptieren.
Realitätsverarbeitung: Akzeptanz der Veränderung
- Umgang mit Verlusten
- Anpassung an veränderte Lebensumstände (Selektion, Optimierung, Kompensation)
- Erhaltung der Autonomie und Lebensqualität
- Weitergabe von Wissen und Erfahrung
- Sinnfindung
- Selbstakzeptanz: sich mit seinen eigenen Stärken und Schwächen annehmen, ohne sich ständig mit anderen zu vergleichen
- Selbstvertrauen: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
- Selbstbewusstsein: Vertrauen in die eigenen Ziele, Werte und den eigenen Charakter, mit Kritik konstruktiv umgehen
- Selbstwert: wie sehr man sich selbst schätzt, mag und akzeptiert, unabhängig von der Beurteilung von außen.
Das Gehirn unterscheidet nicht, ob ich tatsächlich real etwas erlebe, oder ob ich mir nur einbilde, etwas zu erleben. Gedanken zu verschenken, kann zur Einengung meiner Handlungsfähigkeit und -möglichkeit führen („ich kann das nicht, weil ich zu unflexibel bin“). Die individuellen Gefühle entstehen, unabhängig ob unsere Gedanken Tatsachen entsprechen oder nicht. Mein Gefühl bildet die Basis für das weitere Tun (Handlung).
Schuldgefühle = Schuldgedanken
Schuldgefühle wurden anhand eines Fallbeispiels erörtert. Schuldgefühl ist ein subjektives Empfinden etwas falsch gemacht zu haben.
„Ungesunde“ Schuldgefühle:
- Ständige Selbstvorwürfe, die nicht in einem angemessenen Verhältnis zu einer als Schuld bewerteten Handlung stehen
- Anderen Schuldgefühle machen ist ein Verhalten, den anderen dazu zu bringen, sich so zu verhalten, wie es erwünscht wird
- Schuldgefühle sind Hemmnisse, um sich nicht mit neuen, geänderten Situationen befassen zu müssen (Energieabsorber)
- Schuldgefühle führen oft in die Opferrolle. Hieraus resultiert z.B. die Erlaubnis weiter Suchtmittel konsumieren zu dürfen.
Angemessener Umgang mit Schuldgefühlen
Es gilt für Fehler die Verantwortung zu übernehmen und unser Verhalten künftig zu ändern. Akzeptanz ist wichtig für die Bewältigung von Schuldgefühlen. Sie unterbricht den quälenden Kreislauf, z.B. von Selbstvorwürfen und grüblerischen Gedanken. Akzeptanz bedeutet anzuerkennen, was passiert ist. Es bedeutet nicht, das Fehlverhalten gutzuheißen, sondern aufzuhören gegen die Realität und gegen sich selbst zu kämpfen. Das obligatorische Eisessen am Samstagabend bildete den Abschluss dieses Seminartags.
Am Sonntagvormittag waren die Teilnehmenden zunächst wiederum gehalten, eine kleine Lockerungsübung mitzumachen, um die Konzentrationsfähigkeit zu stärken. Nachfolgend ist vom Referenten die sog. „Stoppmethode“ erläutert worden:
S = STOPP
T = tief durchatmen, tieferes ausatmen unterstützt die Beruhigung, das„Runterkommen“
O = Objektivieren, was würde ein Freund von mir in diese Phase verlangen?
P = prüfen, ist es hilfreich, wenn ich so weiterdenke?
P = positiv umlenken, hier kommt meine Resilienz zum Einsatz.
Diese Methodik kann in vielen Lebensbereichen Anwendung finden (Basic).
Enttäuschungen basieren meist auf nicht erfüllten Erwartungshaltungen. So ist man z.B. von anderen Menschen enttäuscht. So stellt sich die Frage: Was erwarte ich, z.B. von mir nahestehenden Menschen? Sollen sie mir etwas bieten, was ich mir selbst versage (z.B. Anerkennung oder Liebe?) Sie sollen quasi meine Lücken füllen. Wir glauben, den Partner/in zur eigenen Vervollständigung zu brauchen. Eigene Bedürftigkeit ist der Hintergrund für Erwartungen. Diese Dynamik gilt es in der Partnerschaft zu reflektieren, bevor es evtl. zu einer Trennung kommt.
Werte geben Sinn, sie sind unser innerer Kompass. Sie helfen bei Entscheidungen und zeigen wofür man steht. Ziele können dauern, Werte sind immer vorhanden. Sinn ist größer als Glück und Unglück. Sinn ist wichtig, wenn das Glück pausiert. Es gibt drei Wege der Sinnfindung:
- Gestalten: Arbeit, Ehrenamt, Hobby
- Genießen: Gemeinschaft, Tiere, Musik, Natur
- Aushalten: Probleme, Konflikte, Schicksalsschläge.
Das gemeinsame Mittagessen bildete den Abschluss des Seminars. Im Anschluss daran wurde die individuelle Heimreise angetreten. Alle waren sich einig, ein schönes und harmonisches Wochenende miteinander erlebt zu haben.


