Eine lange sehr schmale Straße führt mich über Felder, kein Auto kommt mir entgegen und ich wähne mich im Nirgendwo. Doch der Weg stimmt und dann sehe ich sie: die Wallfahrtskirche Maria Lindenberg bei St. Peter im Schwarzwald. Daneben liegt das Tagungs- und Gästehaus gleichen Namens, Haus Maria Lindenberg. Völlige Ruhe umgibt mich mit einem herrlichen Panoramablick auf die Berge und Täler des Schwarzwalds. Was für ein Ort! Ein Kraftort! Hier spüre ich Lebenslust und bin offen und bereit für unser Seminar.
Dieses beginnt nach einem gemeinsamen Abendessen mit einer Führung. Pfarrer Albert Eckstein erzählt uns sehr lebhaft die wechselhafte Geschichte der Wallfahrts- und Gebetskirche von ihrer Entstehung (um das Jahr 1497) und ihrer Entwicklung bis zur heutigen Zeit. Besonders ist, dass in dieser Kirche seit 1955 Gruppen von Männern aus der Erzdiözese Freiburg in einer immerwährenden Gebetswache für Frieden, Versöhnung oder auch andere Anliegen beten.
Doch zurück zum Seminar: „Wer Lust begehrt, begehrt auch Leid“. Wir werden an diesem Wochenende auf dem Weg zwischen Lust und Frust, Last und List nachspüren, was für uns der beste Weg ist und wie wir zum Ziel gelangen können. Herzlich begrüßt uns Maritta. Sie hat uns eine süße Tüte und auch Informationen zum Haus und der Kirche bereitgelegt. Durch das Seminar führt Herr Klaus Harter. Bereits seit 1982 begleitet er unterschiedliche Kreuzbundseminare und es gibt Teilnehmende, die sich nur wegen ihm zu Themen anmelden. Harter-Seminare sind Rollenspielseminare. Anstatt theoretisch ein Thema aufzubereiten, werden beim Rollenspiel Situationen, Probleme oder Konflikte realitätsnah nachempfunden oder vorausschauend bearbeitet.
Doch zunächst geht es nach einer kurzen Vorstellungsrunde in eine Gruppenarbeit. Hier berichten wir, was jeder einzelne von uns mit dem Thema zu tun hat und pendeln die Bedürfnisse zwischen Lust und Leid aus. Im Leid frage ich mich, was kann ich tun, damit es mir besser geht? Aktiv nach vorn schauen und Probleme da lassen, wo sie hingehören! Achtsam sein und daran denken: ich akzeptiere Dinge und Situationen, die ich nicht ändern kann. Hört sich einfacher an als es ist, doch für alles Weitere ist es so wichtig. Wenn ich in meinem Gedankenkarussell verharre, bleibe ich stehen und kann nicht nach vorn gehen.
Von Anfang an besteht eine große Vertrautheit in der Gruppe. Dies ist wichtig, denn ich brauche Vertrauen um mich öffnen zu können um meine derzeitige Situation im Rollenspiel nachzuspielen.
An diesem Wochenende bringen 3 Teilnehmende ihr Thema ein. Natürlich werde ich nicht näher auf die jeweiligen Inhalte eingehen, denn auch hier gilt die Regel: Was in der Gruppe passiert, bleibt in der Gruppe. Doch die Themen kann ich wie folgt benennen:
- Ich möchte mehr als Geliebte sein!
- Bleiben oder gehen?
- Ich möchte in meiner Wohnung ungestört sein!
Unter Anleitung des Referenten (=Spielleiter), tritt der Teilnehmende als Protagonist des Spiels auf. Er sucht sich Mitwirkende aus, die die weiteren erforderlichen Personen bzw. Umstände darstellen.
Der Protagonist erlebt im Rollenspiel seinen eigenen Konflikt bewusst und erfährt Lösungsansätze für seine weitere Handlungsfähigkeit. Also: Üben unter Laborbedingungen. Zum Schluss reflektieren die Akteure ihr Spiel und auch die als Zuschauende verbliebenen Teilnehmende geben dem Protagonisten ein empathisches Feedback.
Die Rollenspiele haben uns alle bewegt. Selbst Zuschauende haben Anteil am Spiel. Sie können sich in die Themen einfühlen und sogar davon profitieren.
Mit dabei an diesem Wochenende war Buddha. Denn er lehrte, dass das Leben leidvoll ist und die Ursache hierfür im Begehren (Lust) liegt. Wir sind bei unserem Seminarthema: Wer Lust begehrt, begehrt auch Leid. Nochmals setzen wir uns in Gruppenarbeit mit dem Thema auseinander und diesmal nehmen wir Buddha mit. Ich drehe für mich den Ansatz um und stelle fest, dass durch mein erlebtes Leid, wieder Lust (z.B. auf Leben) möglich ist. Dieses Leid bleibt, gehört zu mir und ich nehme es mit auf meinem weiteren Weg. Apropos Weg: Buddhas Weg ist ein Weg mit dem wir uns vom Leid befreien können. Es geht dabei um Annehmen und ein bewusstes achtsames Leben im Hier und Jetzt.
Leere gehört auch zur buddhistischen Philosophie. Sie ist kein Nichts, sondern sie zeigt, dass Dinge nicht allein existieren, sondern dass alles zusammengehört. Wenn ich das verstehe, kann ich vieles loslassen und innere Ruhe finden. Wie weit bin ich auf meinem Weg zur Leere? Wir positionieren uns hierzu im Raum, betrachten unsere Position und bewerten diese für uns selbst.
Auf dem Weg zu mehr Gelassenheit brechen wir am Samstagnachmittag zu einem stillen Spaziergang auf. Laufen ohne Worte: wir gehen gemeinsam und doch hat jede und jeder Einzelne die Aufmerksamkeit nur auf sich und seine Umgebung gerichtet. Diese annehmen ohne zu bewerten. Geschehen lassen, ohne zu beurteilen. Einfach bewusst im Hier und Jetzt sein. Gehen, innehalten und die Natur betrachten.
Beim Gehen spüre ich den Boden unter meinen Füßen. Ich gehe Schritt für Schritt, entdecke einen Stein und stecke ihn in meine Tasche. Ich höre auf Geräusche um mich herum, ich lausche. Ich spüre die Sonne: Sie tut mir gut. Ich schaue und entdecke einen kleinen See, den Wald, die Wiese, Blumen, Himmel, Wolken: nehme alles ganz bewusst wahr. Eine frisch gemähte Wiese. Ich konzentriere mich auf mein Inneres, erinnere mich dabei an ein Lied von Wolfgang Bossinger: Ich lasse los und bin, lasse los und bin, lasse los und bin bei mir selbst zuhaus. Nur noch dieses Mantra und ich, Schritt für Schritt.
Herrlich diese innere Ruhe zu spüren.
Unser Spaziergang ist zu Ende. Wir gehen gemeinsam in die Wallfahrtskirche und Klaus lädt uns an diesem spirituellen Ort zu einer Meditation ein:
Ich sitze entspannt, habe meine Augen geschlossen, achte auf meine Atmung und fühle wie der Atem durch die Nase in meinen Körper wandert. Ich richte meine Aufmerksamkeit nach und nach auf verschiedene Körperteile, spüre bewusst nach, welche Gedanken und Gefühle dabei hochkommen und lasse diese auch wieder los. Jetzt bin ich mit mir im Gleichgewicht.
Stehe ich noch an der gleichen Stelle auf dem Weg zur Leere? Wir spüren nach, positionieren uns im Seminarraum neu und bewerten unseren jetzigen Standort erneut nur für uns selbst.
Der Spaziergang und die anschließende Meditation waren für uns alle ein Highlight des Seminars, so das Fazit in der Schlussrunde. Ein großes Dankeschön an Klaus und Maritta für ein gelungenes Seminar! Danke auch an das Team vom Tagungs- und Gästehaus Maria Lindenberg. Wir haben uns rundum wohlgefühlt.
Zum Schluss noch eine Geschichte, die uns Maritta mitgebracht hat.
Verfasst von Liv Apollonia Scharbatke (frei erzählt nach der über 2000 Jahre alten chinesischen Parabel Glück im Unglück – Unglück im Glück) gefunden bei happy-writing.de:
Die Bäuerin und das Pferd: Eine kleine Geschichte für mehr Gelassenheit im Leben


