Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft

für Suchtkranke und Angehörige

Diözesanverband Freiburg e.V.

KreuzbundDiözesanverband Freiburg e.V.

Hubert Grimming, Oberkirch

Bericht: Allgemeines Seminar II 2020

Zeit18.–20.9.
OrtSchönstattzentrum Marienfried
ThemaDie Kraft der eigenen Wert­schätzung
ReferentinSigrid Trillich, PBS Neckargemünd
BerichtSusanne Bunsch, Karlsruhe
BilderRoland Wagner, Schwetzingen

Endlich konnten wir uns mal wieder zu einem Seminar treffen, wenn auch, dank Corona, mit beschränkter Teilnehmerzahl und unter strenger Einhaltung der entsprechenden Schutzmaßnahmen, auf die auch nochmals sehr eindringlich von unserer Referentin hingewiesen wurde.

Zunächst sollten wir uns paarweise zusammensetzen und uns überlegen, welche zwei Dinge wir an uns selbst mögen, sowie eine Sache, die unsere Freunde an uns schätzen. Danach stellten wir uns gegenseitig vor.

Schnell wurde deutlich, dass es für die meisten von uns leichter ist, eine Eigenschaft zu finden, die Freunde an uns mögen, als etwas, das wir selbst an uns mögen. Und schon waren wir mittendrin im Thema und sammelten zunächst Begriffe.

Wert­schätzung

  • Liebevoll, verständnisvoll, respektvoll
  • Unsere gegenseitige Achtung auch verbalisieren, also auch in Worte fassen
  • Wohlwollend die Aufmerksamkeit auf positive Aspekte lenken
  • Achtsam mit uns umgehen, die Leistungen anderer und unsere eigenen anerkennen
  • Wert­schätzung ist sowohl ein Grundbedürfnis als auch eine Haltung
  • Jeder Mensch möchte geschätzt, akzeptiert und anerkannt werden

Für das Miteinander ist Wert­schätzung wichtig, egal ob privat oder im Beruf und gründet auf einer inneren Grundhaltung. Das bedeutet jedem Menschen Achtung entgegenbringen und ihn bejahen mit all seinen Stärken und Schwächen.

Wie zeige ich Wert­schätzung

Mit Worten, Taten, Zärtlichkeit, Berührungen, kleinen Gesten (z.B. Kaffee bringen), Küsschen, in den Arm nehmen, loben, Interesse zeigen, gemeinsam Zeit verbringen, Mimik, sich jemand voll und ganz zuwenden. Durch Akzeptanz, Freiräume, die eigenständigen Persönlichkeiten zulassen, konstruktive Kritik üben und auch erhalten.

Eine gute Kritik sagt mehr als 1000 Worte. Das können wir nur, wenn wir aufrichtig und ehrlich sind und den anderen wertschätzen.

Wem gegenüber drücke ich Wert­schätzung aus

Ganz klar: Mir selbst und anderen.

Gründe um Wert­schätzung zu empfinden und auszudrücken

Wir freuen uns, sind zufrieden, stolz, entspannt, erhalten neue Energie oder unser Selbst­wert­gefühl wird angehoben.

Bei den anderen steigert es das Wohlbefinden, die Zuneigung, Akzeptanz, Motivation und es entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl. Menschen mit gutem Selbst­wert­gefühl können Wert­schätzung anderen gegenüber sehr gut ausdrücken.

Was hat uns bewogen an diesem Seminar teilzunehmen?

Viele von uns wollten ihr Selbst­wert­gefühl stärken und sich selbst mehr Wert­schätzung entgegenbringen, die Ver­gangen­heit abhaken und keine Schuldgefühle mehr haben. Andere waren einfach nur froh, mal wieder an einem Seminar teilnehmen zu können. Manchmal war es einfach Neugier.

Wie stärke ich mein Selbst­wert­gefühl? Wie kann ich mich selbst mehr wertschätzen? Was muss oder kann ich ändern und wie?

Zunächst teilte uns Sigrid mit, dass wir gute Gründe brauchen um etwas zu ändern. Wir bekamen von ihr einen Arbeitsbogen auf dem wir in 2er-Teams jeweils 10 Aspekte finden sollten, die uns motivieren den eigenen Wert zu schätzen. Schnell wurde unsere Tafel voll mit:

  • Selbstsorge, Selbstliebe, Abgrenzung
  • Zufriedenheit, Lebenssinn, Glück
  • Achtsamkeit, Gelassenheit, Abstinenz
  • Authentizität
  • Besseres Arbeitsklima (ich schätze die anderen)
  • Vorbild für Kinder
  • Besserer Schlaf
  • Meine Zufriedenheit wird gesteigert
  • Ich bekomme besseren Zugriff auf meine Ressourcen (mein Netzwerk wird aktiv)
  • Ich nehme mir mit gutem Gewissen Zeit für mich
  • Meine Beziehungen verbessern sich (Partner­schaft, Kollegen, Freunde)
  • Mein Auftreten, Körperhaltung und Selbstsicherheit verbessern sich
  • Wenn ich mit mir im Reinen bin, bin ich offener, auch für andere
  • Ich äußere meine Meinung und stehe dazu
  • Ich habe mehr Lust auf Aktivitäten
  • Meine Gesundheit verbessert sich
  • Ich nehme die Signale meines Körpers wahr und ernst
  • Ich werde friedfertiger
  • Meine Kritikfähigkeit und Resilienz[1] erhöhen sich. Ich kann mit widrigen Umständen besser umgehen.
  • Ich stehe Heraus­forderungen offener gegenüber und fühle mich nicht als Versager, wenn es dann doch nicht gelingt.

Wir haben also viele Gründe gefunden, um uns in Zukunft mehr wertzuschätzen.

Momentsaufnahme der Wert­schätzung (IST–Situation)

Wir überlegten uns, wo wir selbst auf einer Skala von 1-10 zwischen minimaler und ultimativer Wert­schätzung stehen.

  • Was schätzen oder mögen andere an mir
  • Was schätze oder mag ich an mir
  • Was sind meine Stärken
  • Welche Fähigkeiten bringe ich mit
  • Wann hatte ich mich mehr selbst wertgeschätzt? Wofür? Was war anders?

Zu Beginn ist es mir persönlich schwergefallen, mich darauf einzulassen. Dann stellte ich fest, dass ich ganz schön viele Fähigkeiten und Stärken habe und dass ich doch einiges liebenswertes an mir finde. Meinen MitstreiterInnen ging es ähnlich. Es tut unglaublich gut, sich auf die eigenen positiven Eigenschaften zu besinnen, auch wenn es am Anfang schwierig zu sein scheint.

Danach arbeiteten wir den Unterschied zwischen Stärken und Fähigkeiten heraus. Stärke bedeutet z.B. Möglichkeiten zu widerstehen, ohne das Gefühl zu haben, auf etwas verzichten zu müssen.

Nachmittags stellte uns Sigrid dann das Lebensbalance-Modell vor: Die 4 Säulen nach Nossrat Peseschkian[2]. Es sind 4 Bereiche, die wesentlich für ein glückliches, zufriedenes und lebensbejahendes Leben sind.

  • Beruf und Finanzen
    Erfüllt mich mein Beruf, bin ich über oder unterfordert, verdiene ich genug, Wohlstand, Arbeitsplatzwechsel oder -verlust
  • Soziale Kontakte
    Freundschaften Familie, Partner­schaft, Hobbys Kinder, Hochzeit, Trennung, Scheidung
  • Körper und Gesundheit
    Bewegung, Ernährung, Ruhephasen, ärztliche Vorsorgeuntersuchungen, Krankheiten (aktuelle und Überwundene) Sexualität, Krankheiten im Umfeld
  • Sinn und Kultur
    Werte, Ehrlichkeit, Glaube, Persönlichkeit (wer bin ich eigentlich?)
    Kraft­quellen, der Sinn des Lebens (über das Leben nachdenken)
    Zeiten der Ruhe genießen, z.B. in der Natur oder im Kloster

Bei zufriedenen Menschen die weniger Stress empfinden, sind diese 4 Säulen im Gleich­gewicht. Wann diese Lebensbalance eintritt, hängt von der jeweiligen Persönlichkeit und der Situation ab. Manche Menschen gewichten ihre berufliche Karriere stärker, andere legen mehr Wert auf Familie und soziale Aspekte.

Schwierig wird es jedoch, wenn eine Säule komplett wegbricht, etwa durch Arbeitsplatzverlust oder eine schwere Krankheit.

Das Gleich­gewicht kann sich im Lauf des Lebens verändern. Bei jungen Menschen steht meist zunächst die Berufs­tätigkeit im Vordergrund. Wenn dann später eine Familie gegründet wird, wird mehr Zeit und Energie im sozialen und familiären Bereich benötigt, um die Lebensbalance zu erhalten.

Wir überdachten unsere eigene, aktuelle Lebensbalance mit Hilfe eines Arbeitsblattes. Dabei ging es zunächst um unsere sozialen Kontakte:

  • Mit wem haben wir regelmäßig Kontakt
  • Fühlen wir uns in unserem Umfeld wohl
  • Können wir uns darauf verlassen
  • Haben wir ausreichend Kontakt zu den Menschen, die uns wichtig sind

Was tun wir für Körper und Gesundheit? Was tun wir, um fürsorglich und achtsam mit uns umzugehen und wie gut fühlen wir uns überhaupt? Wie erfüllend ist unsere Tätigkeit? Wie empfinden wir unser Arbeitsniveau und wie zufrieden sind wir mit unserer Entlohnung?

Bei Sinn und Kultur überlegten wir uns, was uns wichtig ist, was wir erreichen wollen und was wir uns für die Zukunft wünschen.

Ein hilfreiches Mittel um unsere Ziele richtig zu setzen und zu erreichen ist die SMART-Methode [3]:

SSpezifischZiele konkret formulieren
M MessbarWir können Objektiv erkennen, ob ein Ziel erreicht wurde
A AttraktivWir haben Lust, das Ziel zu erreichen
R RealistischDas Ziel ist erreichbar
T TerminiertZeitlich bindend planen

Die SMART Methode hilft uns den Fokus zu bewahren und unsere Energie in die wirklich wichtigen Dinge zu stecken.

Anschließend überlegten wir uns, was uns aktuell hindert, in bestimmten Situationen wertschätzend mit uns umzugehen. Folgende Faktoren wurden genannt:

  • Stress
  • Lebens­geschichte
  • Sorgen um andere, den anderen muss es gut gehen
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Angst vor Konsequenzen (Beziehungsverlust, Egoismus)
  • Nicht (gut) genug
  • Hab' es nicht alleine geschafft
  • Kritik, Vorwürfe
  • War doch nicht der Rede wert, nicht teuer

Das sind viele Dinge um uns selbst herabzusetzen. Aber was treibt uns dazu? Nach dem Modell der psychologischen Transaktionsanalyse gibt es fünf innere Antreiber[4]. Jeder hat eine Botschaft, welche mit entsprechenden Glaubensätzen verbunden ist.

AntreiberSei stark
BotschaftZähne zusammenbeißen.
Zeig keine Gefühle.
Haltung bewahren
GlaubenssatzIch muss auf das Schlimmste gefasst sein.
Ich darf keinem vertrauen
ErlauberIch darf mir Hilfe holen.
Ich darf Gefühle haben / zeigen
AntreiberSei perfekt
BotschaftBloß keinen Fehler machen. Eine Arbeit mach ich gründlich.
GlaubenssatzIch bin nicht liebenswert.
Liebe und Anerkennung bekomme ich nur für einwandfreie Leistung
ErlauberIch bin so gut wie ich bin.
Einfach weil ich da bin, bin ich wertvoll.
AntreiberBeeil Dich
BotschaftIch darf keine Zeit verschwenden.
Sei immer auf Trab.
GlaubenssatzFür mich darf ich mir weder Raum noch Zeit nehmen.
ErlauberIn der Ruhe liegt die Kraft.
Eile mit Weile.
AntreiberMach es allen recht
BotschaftSei immer lieb und gefällig.
GlaubenssatzNur wenn ich dem Wohlbefinden der anderen diene bin ich wertvoll.
ErlauberIch denk auch mal an mich.
Ein bischen Egoismus ist Selbstfürsorge.
Ich darf auch eine eigene Meinung haben.
AntreiberStreng Dich an
BotschaftMüh' Dich bis zum Letzten ab.
GlaubenssatzNur schweres ist wertvoll.
Reiß Dich zusammen.
Du kannst das doch besser.
Erlauber80% sind ausreichend.
Kleinvieh macht auch Mist.
Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.

Unsere Inneren Antreiber verlaufen nach automatischen Mustern und sind mit Botschaften verbunden. Sie können uns in Stresssituationen noch mehr Energie rauben und belasten. Allerdings bergen sie auch viele Ressourcen, z.B. Genauigkeit, Gründlichkeit, Freundlichkeit, Belastbarkeit und Schnelligkeit. Damit sie sich nicht negativ auswirken, ist es wichtig, sich ehrlich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Nach soviel Theorie erzählte uns Sigrid Trillich noch die Metapher von den zwei Wölfen:

Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel von dem Kampf, der in seinem Inneren tobt.
Es würde sich anfühlen, als kämpfen zwei Wölfe miteinander.
Der eine Wolf ist böse:
Er ist der Hass, der Zorn, der Neid, die Anspannung, die Vorurteile.
Der andere Wolf ist gut:
Er verkörpert die Liebe, das Vertrauen, das Mitgefühl, die Wert­schätzung und die Dankbarkeit.
Der Enkel denkt nach und möchte wissen, welcher Wolf den Kampf gewinnt.
Der den du fütterst !

Nachdenklich beendeten wir diesen Nachmittag.

Am nächsten Tag begannen wir pünktlich um 9:00h den letzten Teil mit dem Thema Erwartungshaltung. Erwartungen sind vorweggenommene Reaktionen auf Handlungen die gewollt, gewünscht oder vermutet werden. Sie sind nur dann sinnvoll, wenn ich ein Ziel selbstwirksam erreichen kann.

Brauche ich eine andere Person X dazu, mache ich mich abhängig. X bekommt Macht über meine Gefühle und ich versklave mich ein Stück weit. Symbolisch ist das mit einer Fernbedienung vergleichbar. X hat mich in der Hand, drückt er einen Knopf, bin ich traurig, fertig …

Aber auch wenn ich X die Fernbedienung gegeben habe, bleibe ich wertschätzend mit mir. Ich überlasse der Person X die Verantwortung für ihr eigenes Verhalten und übernehme nur die Verantwortung für mein eigenes Verhalten.

Der Psychologe Albert Ellis entwickelte das ABCDE Modell[5]: Eine Technik zum trainieren der Selbstreflektion als wichtiger Teil der Resilienz [1].

A Auslöser
B Bewertung
C Konsequenz
D Disput
E Effekt

Dieses Modell sagt uns, dass das auslösende Ereignis nicht direkt zur Reaktion führt, sondern die Reaktion von unserer eigenen Bewertung abhängt. Gelingt es uns nicht die Situation annähernd objektiv zu betrachten, beruhen die Bewertungen auf einer verzerrter Realitätswiedergabe. Dabei spielen Erinnerungen und Spekulationen eine Rolle.

Menschen können also in derselben Situation völlig verschiedene Wahrnehmungen haben. Im Umgang mit Fehlern, Missgeschicken und Frustrationen hilf uns Selbst–mitgefühl. Dieses setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:

  1. Selbstfreundlichkeit
    Ich begegne mir so, wie ich Freunden, Kindern oder Partnern begegne:
    Gütig, nachsichtig, liebe- und verständnisvoll.
  2. Geteilte Menschlichkeit
    Das Bewußtsein, dass Niederlagen, Krankheiten, Arbeitsplatzverlust, Fehler oder Tod zum Leben dazugehören.
    Es passiert auch anderen.
  3. Achtsamkeit[5]
    Die gesteigerte Form der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick, im Hier und Jetzt.
    Ohne Bewertung!
    Es ist wie es ist, ich kann es nicht ändern.

Eine gute Lösung ist sich zu überlegen, was ich einem Freund jetzt raten oder sagen würde.

Falls jemand seinen eigenen inneren Antreiber kennen­lernen möchte: es gibt einen etwa 10 minütigen Test Im Internet, den Antreibertest von Wallenhorst. Wir haben es gewagt!

Es war ein hoch­interes­santes Seminar mit ganz viel Input und einer großartigen Referentin. Ihr nochmals herzlichen Dank!

Weil wir es nie vergessen sollten, zum Schluss unser Gelassenheitsgebet:

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ein Gedicht von Anne Steinwart:

Ich bin dieses verrückte Kind, das losrennt, um das Leben zu umarmen.
Das hinfällt, wieder aufsteht und mit zerschlagenen Knien weiterläuft.
Dieses verrückte Kind, das Hoffnung heißt
und an die Liebe glaubt.

Weblinks

[1] Wikipedia: Resilienz in der Psycholgie

[2] Die 4 Säulen des Lebensbalance Modells nach Nossrat Peseschkian

[3] Wikipedia: Die SMART Methode im Projektmanagement

[4] Ruhl Consulting: Innere Antreiber, innere Erlauber und Landkarten

[5] Wikipedia: ABC Theorie nach Albert Ellis

[6] Wikipedia: Achtsamkeit

Buchtipps

Virginia Satir, Selbstwert und Kommuni­kation; Klett-Cotta, Stuttgart (2015), ISBN 978-3-608-89165-2

Kristin Neff, Selbstmitgefühl Schritt für Schritt Arbor, Freiburg i.Br. (2014). ISBN 978-3-867-81117-0

Michael Bohne, Bitte klopfen! Anleitung zur emotionalen Selbtshilfe, Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg (2016). ISBN 978-3-89670-737-6

Gary Chapman, Die 5 Sprachen der Liebe; Francke, Marburg (2010) ISBN 978-3-86827-958-0