Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft

für Suchtkranke und Angehörige

Diözesanverband Freiburg e.V.

KreuzbundDiözesanverband Freiburg e.V.

Bericht: Partner Seminar II 2018

Zeit19.–21.10.2018
OrtGästehaus der Dominikanerinnen, Bühl-Neusatzeck
ThemaRaus aus dem Autopiloten - rein in die achtsame Selbstführung
ReferentinAntonia Mamier-Lampart, PSB Lahr
BerichtBärbel Kempermann, Karlsruhe
BilderBärbel Kempermann, Karlsruhe

Ich freue mich auf das Seminarwochenende. Raus aus dem Alltag und abtauchen an einem besonderen Ort: dem Gästehaus der Dominikanerinnen im Kloster Bühl-Neusatzeck. Dieses Haus und seine wundervolle Umgebung sind geradezu prädestiniert für das Seminarthema: Achtsamkeit.

Was ist Achtsamkeit?

Eine viel zitierte Definition stammt von Jon Kabat-Zinn (Molekular­biologe und Achtsamkeits­forscher) Nach ihm ist Achtsamkeit eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit

  • sie gilt dem aktuellen Moment, also dem Hier und Jetzt
    und nicht den Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft
  • sie ist absichtsvoll und bewusst
  • sie ist nicht wertend

Thích Nhất Hạnh (ein vietnamesischer buddhistischer Mönch) schreibt in seinem Buch Stille die aus dem Herzen kommt über Achtsamkeit:[1]

Die Aufmerksamkeit von unseren Gedanken abzuziehen um zu dem zurückzukehren was tatsächlich gerade passiert, das ist die eigentliche Hauptpraxis der Achtsamkeit.

Eine buddhistische Weisheit zeigt dies ganz deutlich:

Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister warum er so zufrieden und glücklich ist.

Der Zen-Meister antwortet:
Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …

Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst Du darüber hinaus? fragten Sie erneut.

Der Meister erwiderte:
Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich $hellip;

Wieder sagten seine Schüler:
Aber das tun wir doch auch Meister!

Er aber sagte zu seinen Schülern:
Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann lauft ihr schon,
wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.

Dieses Gefühl kenne ich auch. Schon morgens beim Duschen denke ich über meinen Tag und die anstehenden Aufgaben nach. Ich bin mit meinem Kopf z.B. schon bei dem Arzttermin um 11 Uhr und der Frage, schaffe ich es danach auch pünktlich zu meiner Verabredung. Was muss ich noch alles einkaufen?

Ich stelle mir die Frage: Wie schaffe ich es, gerade in Stresssituationen

  • meine Aufmerksamkeit auf das JETZT zu richten,
  • mein automatisches Denkmuster zu erkennen und zu verstehen
  • eine bewusste Selbstführung zu entwickeln?

Das möchte ich an diesem Seminarwochenende erfahren und neue Impulse mit nach Hause nehmen. Die erste Seminareinheit beginnt mit ruhigem Innehalten.

Ich gehe in mich und resümiere: Wie bin ich in diesen Tag gestartet? An welche schönen Erlebnisse erinnere ich mich? Wie war meine Anfahrt zum Seminarort und wie bin ich hier angekommen? Ich durfte mit anderen Teilnehmenden zu Abend essen. Welche netten Gespräche hatte ich und wie geht es mir gerade in diesem Moment?

Ich merke, dass der Blick zurück auf den Tag mich ruhig werden lässt, ich mich in der kleinen Runde wohl fühle, sowie offen und neugierig bin für das was auf mich zukommt. Durch meine Ruhe ist es mir möglich, in der folgenden Achtsam­keits­übung mich voll und ganz auf mich und meinen Atem zu konzentrieren. Ich bin angekommen. Ich bin im Hier und Jetzt. Mein Atem kommt und geht.

Ich erkenne:
Achtsamkeitsübungen helfen dabei den Autopilotmodus zu durchbrechen und geben mir so die Möglichkeit die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten. Die Atem-Meditation lässt sich einfach in den Alltag integrieren; ich kann sie überall und zu jeder Zeit ausüben. Das kann z.B. der Weg zur Straßenbahnhaltestelle, das Treppensteigen, das Duschen, das Zähneputzen oder das Warten an der Supermarktkasse sein. So fällt es mir auch bei einer weiteren Meditationsübung leicht, meine Gedanken und meine Wahrnehmung nur auf mich selbst und den Moment zu richten.

Achtsam starten wir am Samstag in den neuen Tag. Für den Morgenimpuls treffen wir uns vor dem Brunnen beim Kräutergarten. Wir schärfen unsere Sinne: was höre, spüre und fühle ich? Wir dehnen und strecken uns. Ich bin bereit für die nächste Seminareinheit.

Loslassen
In drei Gruppenarbeiten setzen wir uns mit diesem Thema auseinander. Es sind Menschen, Gedanken und Gefühle, Verhaltensmuster, Orte usw. an denen wir hängen, die uns lähmen und es uns schwer machen, loszulassen. Vertrautes ist vertraut auch wenn es belastend ist.

Ein Zitat eines unbekannten Verfassers begleitet mich: Wenn du loslässt, hast du beide Hände frei. Schon Albert Einstein sagte: Du kannst nicht das nächste Kapitel deines Lebens beginnen, wenn du ständig den letzten Abschnitt wiederholst. So wünsche ich mir Mut, Vertrautes zu verlassen um Neues beginnen zu können und ich wünsche mir innere Ruhe um diesen Schritt bewusst gehen zu können.

Rosinenübung (entwickelt von Jon Kabat-Zinn)
Antonia zeigt uns mit dieser Übung, dass wir auch beim Essen Achtsamkeit lernen können. Beim achtsamen essen sind fast alle Sinne eingebunden. Ich konzentriere mich auf die einzelnen Eindrücke und lasse sie wirken:
Wie genau sieht die Rosine aus, wie fühlt sie sich an, wie riecht sie und wie schmeckt sie? Es gilt, möglichst viele Details wahrzunehmen. Die Rosine also mit Augen, Finger, Nase und Zunge zu untersuchen und auch das Gefühl beim Hinunterschlucken zu beobachten.

Gestärkt durch dieses Erlebnis gehen wir zum Mittagessen und wollen dieses still und bewusst einnehmen. Eine Herausforderung! Ich merke, dass ich langsamer esse, nehme die Geräuschkulisse im Speisesaal wahr und komme nicht umhin Danke zu sagen, wenn mir die Servicekraft eine Speise reicht.

Nach der Mittagspause leitet uns Antonia zu einer Geh-Meditation an und ich freue mich auf den Spaziergang in der Natur. Eine Stunde war meine Aufmerksamkeit nur auf mich und meine Umgebung gerichtet. Einfach annehmen ohne zu bewerten. Geschehen lassen, ohne zu beurteilen. Einfach bewusst im Hier und Jetzt sein. Gehen, innehalten und die Natur betrachten.

Beim Gehen spüre ich ganz bewusst den Boden unter meinen Füßen. Ich gehe langsam Schritt für Schritt. Ich höre auf Geräusche um mich herum, ich lausche. Ich spüre die Sonne: Sie tut mir gut. Ich schaue und entdecke den Wald, die Wiese, Blumen, Himmel, Wolken: nehme alles ganz bewusst in mir auf. Ich entdecke Esskastanien und packe sie in meine Tasche. Das Herbstlaub raschelt und ein Mistkäfer sucht das Weite.

Ich genieße diese Auszeit und anschließend den wunderbaren Kuchen bei unserer gemeinsamen Kaffeepause. Mit dabei ist jetzt unser erster Vorsitzende Bernd Galowski, der sich am Nachmittag spontan entschlossen hatte bei unserem Seminar kurz vorbeizuschauen.

Eine Biographiearbeit rundet den Seminartag ab. Wir zeichnen, malen und reißen und kleben zum Thema: Wo bin ich JETZT auf meinem Lebensweg. Wer ist bei mir? Wer begleitet ich? Es entstehen in kurzer Zeit ganz unterschiedliche ausdrucksvolle Werke, die wir einzeln der Runde vorstellen. Und weil die Kreativarbeit so gut klappt, sind wir am Samstagabend mit Begeisterung beim Origami falten. Geselligkeit und der Spaß beim Basteln stehen im Vordergrund. Auch wenn das Origamipapier einiges verzeiht, benötigen wir bei der Technik doch eine Portion Achtsamkeit, damit der angestrebte Schmetterling auch als solcher zu erkennen ist.

Der Sonntag beginnt wieder mit einem Morgenimpuls am Brunnen. Wach starten wir in die Befindlichkeitsrunde und nehmen uns danach Zeit für die Konflikte von zwei Teilnehmerinnen. In Rollenspielen versuchen wir die belastende Situation darzustellen damit die Betroffenen einen Blick auf den Konflikt erhalten um Lösungsansätze zu finden. Das anschließende Feedback ist hierbei sicherlich auch unterstützend. Eine letzte Phantasiereise rundet den Vormittag ab. Mit zwei spirituellen Liedern beenden wir unser Seminar und ich schließe meinen Bericht mit dem Text des letzten Liedes (von Brigitte Schmitz)

Ich möchte einfach danke sagen
und die ganze Welt umarmen,
mich wie neu geboren fühlen
DANKE

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.
(Teresa von Ávila)

Leo Tolstoi sagte: Es gibt nur eine wichtige Zeit: Heute, Hier, Jetzt!

Literatur

[1] Thích Nhất Hạnh: Stille, die aus dem Herzen kommt., Lotus Verlag München, 1. Auflage (2015) ISBN 978-3-7787-8257-6

Weblinks

https://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeit_(mindfulness)

https://dfme-achtsamkeit.de/zitate-achtsamkeitszitate-jon-kabat-zinn/